WERK - Haus Neuer Arbeit

Gemeinwohl statt Profitmaximierung: Neue Organisationsformen, neue Nutzungskonzepte, neue Narrative

(c) Franziska Dehm
(c) Franziska Dehm

Unsere Städte sind von den Bewohnenden, Arbeitenden und Schaffenden gemacht – nicht von Investitionen. Doch obwohl es Alternativen zu tradierten Nutzungs- und Organisationsformen gibt, fristen sie weiterhin ein Nischendasein. Wie können wir neue und am Gemeinwohl orientierte Formen der Arbeit und Organisation etablieren? Wie neue Eigentums- und Betriebsmodelle realisieren?

Sich auf neue Modelle einzulassen, erfordert Mut, sichere Orte des Austausches und viel Initiative aller Beteiligten. Gemeinsam können Gegenentwürfe zu reinen Profitinteressen und für gemeinwohlorientierte Arbeit geschaffen und erprobt werden.

Ein erfolgreiches Beispiel hierfür ist „WERK – Haus Neuer Arbeit“ in Hamburg Hammerbrook. Die Initiative arbeitet an einer dauerhaften, gemeinwohlorientierten Sicherung eines Raums für kulturelle, gewerbliche und soziale Nutzung im Kraftwerk Bille. Anfang 2021 wurde eine Förderung von rund 8 Mio EUR im Rahmen des Förderprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ in Aussicht gestellt – vom Bundesministerium des Inneren für Bau und Heimat und aufgestockt durch eine Co-Finanzierung der Stadt Hamburg. Ein zentraler Moment für diesen Erfolg war ein Workshop im Jahr 2019, der in Kooperation mit dem iac Berlin und unterstützt von Mitgliedern des Bosch Alumni Network durchgeführt wurde.

Auf einen Blick:

Herausforderung:
Gemeinschaftliches Betriebs- und Eigentumsmodell entwickeln, Konzeptinhalte schärfen
Ansatz: Moderierter Workshop mit internationalen ExpertInnen
Ergebnisse: Studie, Kontakte, 8 Mio EUR Finanzierung (in Aussicht)
Mögliche Langzeitwirkung: Modellprojekt mit bundesweiter Strahlkraft

Sprungbrett und wertvolle Kontakte

„Der Workshop war ein Initialmoment. Er hat das bis heute bestehende Kern-Team zusammengebracht, das auf Grundlage der Workshop-Ergebnisse auch den Antrag beim Bundesministerium erarbeitet hat. Durch die Interviews mit StadtvertreterInnen im Vorfeld konnten wir diese auch später noch eng einbinden. Außerdem konnten wir durch den Workshop die Edith Maryon Stiftung als Kooperationspartnerin gewinnen, was unserem Projekt noch mehr Überzeugungskraft gab“, erinnert sich Dorothee Halbrock vom gemeinnützigen HALLO: e.V., der organisatorisch hinter dem Projekt „WERK – Haus Neuer Arbeit“ steht.

Vorangegangen war die Herausforderung, mit ihrer Idee „auf allen Ebenen ernst genommen zu werden“, um eine Realisierung des WERK-Projekts zu erreichen. „Das galt besonders für VertreterInnen der Stadt und die Privateigentümerin. Hierfür mussten wir ein gemeinschaftliches Betriebs- und Eigentumsmodell entwickeln und die Inhalte des Konzepts nochmal schärfen.“ ergänzt Veit Wolfer, der ebenfalls zum WERK-Projekt-Team gehört. Sie reichten daher im Sommer 2019 ihre Idee eines strategischen Workshops bei einem offenen Bewerbungsaufruf im Bosch Alumni Network ein. Der Workshop sollte die beiden zentralen Themen adressieren:

  1. Inhalt: neue Formen gemeinwohlorientierten Arbeitens
  2. praktische Umsetzung: Eigentums-&Betriebsmodell

Beides sollte aus internationaler und aus lokaler Perspektive betrachtet werden, um daraus ein auch international anwendbares Modellprojekt zu entwickeln.

New Work for the Common Good

Unter dem Titel „New Work for the Common Good“ wurde im Oktober 2019 mit 12 Mitgliedern des Bosch Alumni Network und lokalen Akteuren an einem intensiven Wochenende an beiden Themenbereichen gearbeitet und eine 48-seitige Projekt-Dokumentation (Download s.u.) mit Ergebnissen und Empfehlungen erstellt.

Im Vorfeld wurden Interviews mit den WERK-Initiatoren, VertreterInnen aus Politik und Verwaltung, potenziellen und bestehenden NutzerInnen, sowie der Eigentümerin geführt. Die Ergebnisse wurden in thematischen Diskussionen weitergeführt und anschließend auf 5 Themenbereiche fokussiert und mit klaren Empfehlungen finalisiert:

  1. Conditions for Collaborations
  2. Ecosystem of Shared Values
  3. Including and Exchanging with the Neighborhood
  4. Productive, Re-Productive and Common Work
  5. Solidarity in Financing

Neben dem erfolgreichen und auch auf andere Projekte übertragbaren Projekt-Design bleibt den OrganisatorInnen auch zwei Jahren nach dem Workshop noch die Herangehensweise in bester Erinnerung, wie gemeinschaftlich Workshops entwickelt und ausgewertet wurden.

WERK Workshop (c) Laura Leglise
WERK Workshop (c) Laura Leglise

Konflikte als kreatives Potenzial

Neben der Prozessunterstützung und den Ergebnissen, waren vor allem die persönlichen Kontakte im Bosch Alumni Network ein großer Gewinn für das Projekt. „Wir haben extrem davon profitiert, uns wiederholt mit Menschen auszutauschen, die über mehrere Monate die Probleme und Potentiale des Projekts begleitet hatten. Erweitert um internationale Perspektiven konnten wir die unterschiedlichen Expertisen noch besser nutzen und so das Modellprojekt entwickeln, das letztlich in die offiziellen Anträge eingebracht wurde“, erzählt Dorothee.

Die intensive Arbeit am und im Workshop hat das WERK Kern-Team langfristig zusammengeschweißt. Reibungslos verläuft allerdings trotzdem nicht alles. „Im Kraftwerk Bille sollen Räume für Kunst und Kultur, Forschung, Produktion und Soziales gesichert und geschaffen werden. Damit geht eine Vielfältigkeit von Interessen einher, die auch konfliktträchtig sein kann. Diese Konflikte gilt es auszuhandeln – nicht zu überwinden“ ergänzt Nina Manz vom WERK-Team.

Die Themen reichen von grundlegend unterschiedlichen Vorstellungswelten wie privater Profit vs. Gemeinwohl, über Partikularinteressen in der Nutzung der Räume, bis hin zum stetig spürbaren Spannungsfeld von Kreativnutzung und Aufwertungsprozessen. Es sind Reibungspunkte die global beobachtet werden können, aber auch lokal deutlich spürbar sind.

Modellprojekt mit bundesweiter Strahlkraft

Eine erfolgreiche Umsetzung von WERK würde auf Bundesebene ein Modellprojekt mit bundesweiter Strahlkraft entstehen lassen, denn Projekte wie “WERK – Haus Neuer Arbeit” stellen eine Alternative zum Status Quo der investitionsgeleiteten Stadtentwicklung dar. Damit würde sich das Projekt mit erfolgreichen Beispielen einreihen wie der fux e.G. in der ehemaligen Viktoria Kaserne in Hamburg oder der ExRotaprint gGmbH in Berlin. Ein Möglichkeitsraum auf der lokalen Ebene, der gestaltbar für alle Interessierten sein soll.

„Eine realistische Utopie für die Zukunft wäre, dass aus den bisherigen Arbeitsgruppen eine Genossenschaft wächst, die alle Nutzenden verbindet und Experimentierfeld für gemeinschaftliche Eigentums- und Arbeitsformen sein kann. Der jetzige Privateigentümer des Kraftwerk Bille verkauft ein Gebäude zum fairen Preis an die WERK eG, wir nutzen und sanieren parallel, gestärkt durch die Stadt Hamburg und den Bund. WerkerInnen ziehen ein, es wird gearbeitet, gemeinsam gegessen und gelacht. Im Sommer hüpfen wir in die Bille, für den Winter hat eine Werkerin eine Sauna gebaut“, kommt Dorothee ins Träumen.

Wer das enthusiastische Team unterstützen möchte, schaut einfach bei www.hallohallohallo.org/de/werk rein oder folgt ihnen bei Instagram @hallohallohallo. Oder noch besser: mach mit!

„WERK soll ein Ort sein, der durch die Teilnehmenden entsteht und getragen wird. Dafür braucht es Perspektiven und verlässliche Strukturen, die durch alle Beteiligten gestaltet werden können. Komm einfach zu unseren Arbeitsgruppen dazu und melde dich bei werk@hallohallohallo.org!“

Wenn du mehr über das Projekt, das Ergebnis oder unseren Workshop-Ansatz erfahren möchtest, melde dich einfach bei:

Lucie Menz
Coordinator Bosch Alumni Network
lucie.menz@boschalumni.net